Der Softwareanbieter Clio hat auf seiner jährlichen Konferenz ClioCon 2026 in Boston eine überarbeitete Plattform sowie zahlreiche neue KI-Funktionen vorgestellt. Zugleich kündigte Clio die Übernahme der KI-Plattform Page an, die Gesetzgebungs- und Regulierungsaktivitäten auf Bundesebene und in allen 50 Bundesstaaten der USA überwacht. Der Rollout der neuen Plattform soll im November beginnen.
Einheitliche Oberfläche und agentische KI-Workflows
Clio fasst die bisherigen Produkte Clio Grow, Clio Manage und Clio Work in einer einheitlichen Oberfläche mit einem Login und einer durchgängigen Navigation zusammen. Ein neuer, einheitlicher Posteingang ordnet E-Mails und Textnachrichten automatisch dem richtigen Mandat oder Kontakt zu, und Clio Grow wird in die mobile App integriert. Nutzer können dort künftig persönliche Mandantengespräche aufzeichnen, wobei Aufnahme, Transkript und eine KI-Zusammenfassung im jeweiligen Mandat gespeichert werden.
Über die neue Oberfläche können Nutzer Clio direkt Fragen stellen oder Aufgaben übertragen. Dabei greift die Software auf Mandanten- und Falldaten, Dokumente, Kommunikation, Fristen, Rechercheergebnisse sowie Zeit- und Abrechnungsdaten zu, soweit der jeweilige Nutzer darauf Zugriff hat. Mit der Funktion „Agentic Workflows“ können Kanzleien einen Arbeitsprozess in einfacher Sprache beschreiben oder eine bestehende Standardarbeitsanweisung hochladen. Clio erstellt daraus einzelne Schritte, die vor der Aktivierung geprüft, angepasst und mit Genehmigungspunkten versehen werden können. Anders als eine auslöserbasierte Automatisierung soll der Workflow laut Clio die Arbeit selbst ausführen, etwa Rechtsrecherche, Kollisionsprüfungen, Buchhaltungsaufgaben und die Erstellung von Dokumenten zur Überprüfung. Gründer und CEO Jack Newton beschrieb den Wandel so:
Auf der grundlegendsten Ebene haben wir die Technologie, auf die Sie sich zur Verwaltung Ihrer Kanzlei verlassen haben, in eine Plattform verwandelt, die die Arbeit tatsächlich selbst erledigen und Ihre Kanzlei an Ihrer Seite führen kann. (Übersetzung)
Neue Module und Übernahmen
Weitere vorgestellte Neuerungen umfassen laut Clio folgende Funktionen.
- Clio Phones ist ein vollständig integriertes Geschäftstelefonsystem, das eingehende Anrufe bei aktivierter Aufzeichnung transkribiert, zusammenfasst, Aufgaben extrahiert und einen mandatsbezogenen Zeiteintrag zur Überprüfung vorbereitet; es ist bislang testweise in ausgewählten US-Bundesstaaten verfügbar.
- Documents Pro ist ein neues, integriertes Dokumentenmanagementsystem mit automatischer Benennung, Kategorisierung, Versionsverwaltung, Zugriffskontrollen, Volltextsuche und automatischer Transkription von Audio- und Videoaufnahmen.
- Clio Timekeeping ist eine freiwillige Beta-Funktion, die Arbeitsaktivitäten automatisch erfasst und daraus mandatsbezogene Zeiteinträge zur Überprüfung vorbereitet.
- Clio Work kann nun Einreichungsformulare auf E-Filing-Portalen von Gerichten mit vorhandenen Dokumenten und Mandatsinformationen vorausfüllen; Anwälte prüfen und reichen jede Einreichung selbst ein.
- Grow AI beantwortet eingehende Anrufe, stellt Screening-Fragen, führt Kollisionsprüfungen durch und bucht Beratungstermine, auch außerhalb der Geschäftszeiten.
Neben der Übernahme von Page bestätigte Jack Newton auch den Erwerb des Unternehmens Jurisage, das kanadische Rechtsinhalte ergänzt, sowie die im Vormonat erfolgte Übernahme von Learned Hand, das KI für Richter und Gerichte entwickelt. Die Bedingungen der Page-Übernahme wurden nicht offengelegt. Die Horizon-Scanning-Technologie von Page soll in den kommenden Monaten in Vincent integriert werden. Die neue Funktion Vincent Projects bietet gemeinsame Arbeitsbereiche für Rechtsteams. Pablo Arredondo, Mitgründer von Casetext, und die frühere Chief Justice des Michigan Supreme Court, Bridget Mary McCormack, sind als Senior Vice President of Judiciary beziehungsweise als General Manager zu Clio gewechselt. Clio zufolge nutzen mittlerweile 10.000 Kanzleien das Produkt Clio Work, und laut dem 2026 Legal Trends Report liegt die KI-Adoption bei Kanzleien bei 85 Prozent, nachdem sie zuvor bei 79 Prozent lag.
Einordnung
Für Kanzleien im deutschsprachigen Raum liefert die Ankündigung einen Hinweis darauf, in welche Richtung sich US-amerikanische Kanzleisoftware entwickelt: weg von reiner Verwaltung hin zu Systemen, die Arbeitsschritte eigenständig ausführen können. Die vorgestellten Agentic Workflows und die Integration von Telefonie, Dokumentenmanagement und Zeiterfassung in eine einzige Plattform zeigen, dass Clio auf durchgängige, KI-gestützte Prozesse setzt.
Ob und wann vergleichbare Funktionen auch in Deutschland, Österreich oder der Schweiz angeboten werden, lässt sich den vorliegenden Angaben nicht entnehmen. Ein Teil der genannten Funktionen und Zahlen bezieht sich ausdrücklich auf die USA, darunter US-Gerichtsformulare, E-Filing-Portale und die von Page beobachteten Gesetzgebungs- und Regulierungsaktivitäten. Kanzleien hierzulande können die Entwicklung dennoch als Indikator dafür lesen, welche Erwartungen Mandantinnen und Mandanten künftig an digitale Erreichbarkeit und automatisierte Abläufe stellen könnten.
Quellen
- ClioCon 2026: A Quick Wrap-Up of Everything Clio Announced Today (And It’s A Lot), LawNext (LawSites), 26.10.2026 (englisch)
Dieser Beitrag wurde mit Unterstützung eines KI-Systems auf Grundlage der genannten Quellen erstellt.