Markt und Anbieter

Clio übernimmt Learned Hand und baut KI-Geschäft für Gerichte aus

Clio übernimmt Learned Hand. Der Kanzleisoftware-Anbieter hat den Kauf des US-Unternehmens am 30. September 2026 bekanntgegeben. Learned Hand entwickelt KI-Software für Richter und Gerichtspersonal. Mit dem Kauf erhält die neu aufgebaute Justizsparte von Clio ein Produkt, das bereits an Gerichten im Einsatz ist. Zum Kaufpreis machten die Beteiligten keine Angaben.

Was Learned Hand anbietet

Nach der Pressemitteilung von Clio (englisch) hat Learned Hand einen KI-Arbeitsbereich für Richter und Gerichtsmitarbeiter entwickelt, der an die Fallverwaltungssysteme der Gerichte angebunden wird. Er soll dabei helfen, Verfahren zu erfassen, Schriftsätze auszuwerten, Rechtsrecherchen durchzuführen sowie Voten (bench memoranda) und Entwürfe für Verfügungen und Beschlüsse vorzubereiten. Eingesetzt wird die Software nach Unternehmensangaben unter anderem am Superior Court of Los Angeles County, dem größten erstinstanzlichen Gericht der USA. Der US-Fachdienst LawNext nennt zusätzlich den Michigan Supreme Court sowie erstinstanzliche Gerichte in zehn weiteren Bundesstaaten. Gründer und Geschäftsführer Shlomo Klapper bleibt an Bord. Er war nach Angaben von LawNext zuvor unter anderem Gerichtsreferendar an einem US-Bundesberufungsgericht und Prozessanwalt.

Justizsparte mit prominenter Besetzung

Clio hatte seine Sparte für die Justiz in den Wochen zuvor personell aufgebaut. Im August kam Pablo Arredondo, Mitgründer des Rechercheanbieters Casetext, als Senior Vice President Judiciary. Am 16. September kündigte Clio an, dass die frühere Vorsitzende Richterin des Michigan Supreme Court, Bridget Mary McCormack, ab Oktober als General Manager Judiciary die Markt- und Vertriebsstrategie gegenüber Gerichten verantwortet.

Als Datenbasis soll Learned Hand auf die Bestände von Clio zugreifen. Clio Library umfasst nach Unternehmensangaben mehr als eine Milliarde Rechtsdokumente aus über 110 Rechtsordnungen, Clio Docket rund eine Milliarde US-Gerichtsakten und Einreichungen. Clio-Chef Jack Newton begründet den Schritt sinngemäß damit, dass sich der Engpass zu den Gerichten verlagere, wenn Anwälte und Parteien mit KI deutlich schneller arbeiten, die Kapazität der Gerichte aber gleich bleibe.

Einordnung

Die Übernahme zeigt, dass Anbieter von Kanzleisoftware ihr Geschäft auf die Gegenseite des Verfahrens ausweiten. Dasselbe Unternehmen beliefert künftig Anwälte und Gerichte. Aussagen zu Europa enthalten die Mitteilungen nicht. Learned Hand ist bislang nur an US-Gerichten im Einsatz. Übertragbar ist vor allem die Ausgangslage – steigende Eingangszahlen bei begrenzten personellen Mitteln. Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich dagegen deutlich. In Deutschland verantworten die Länder die Justiz-IT, und KI-Systeme, die Justizbehörden bei der Ermittlung und Auslegung von Sachverhalt und Recht unterstützen sollen, zählen nach Anhang III Nr. 8 der KI-Verordnung zu den Hochrisiko-Systemen. Mehr dazu auf der Seite zur KI-Verordnung.

Quellen

  1. Clio Acquires Learned Hand (Clio via PR Newswire, englisch), 30.09.2026
  2. Clio acquires Learned Hand (Clio, englisch), 30.09.2026
  3. Clio Acquires Learned Hand, Giving Its New Judiciary Business An Existing Product (LawNext, englisch), 30.09.2026
  4. Clio Announces Bridget Mary McCormack as General Manager, Judiciary (Clio, englisch), 16.09.2026